Austritt aus Facebook

Für die heutige Zeit gilt -mehr als für jede andere-, dass wir mit unserem Verhalten die Welt von Morgen mitgestalten. Das Kreuz auf dem Stimmzettel ist dabei nur eine Nummer in der Menge der Entscheidungen mit denen wir bewusst oder unterbewusst Einfluss auf unsere Umwelt nehmen. Mit jedem Einkauf den wir tätigen, bestimmen wir mit, wie die Produktions- und Lebensbedingungen überall in der Welt aussehen. Dies ist beim Einkaufen inzwischen immer mehr Leuten bewusst geworden. Waren es zunächst oft Veganer und Vegetarier, dann einige belächelte “Ökos”, die bewusst im Supermarkt eingekauft haben, so ist das Thema inzwischen in der Gesellschaft angekommen. Im Supermarkt an der Ecke, in der Zeitung, im Freundeskreis – überall bemerkt man die Veränderungen. Ähnlich ist es beider Frauenbewegung, die ihren Weg vom Rand der Gesellschaft in den Mainstream gefunden hat.

Anders ist es in der digitalen Welt.

Ein Gedankenexperiment: Man stelle sich ein “Kaffee-Facebook” in der echten Welt vor. Zunächst ein paar Rahmendaten: Das Kaffee Facebook hat in jeder Stadt Niederlassungen, einige unter eigenem Namen, andere Filialen tragen den Namen WhatsApp oder Instagram.

Fast 40% der deutschen besuchen das Kaffee einmal im Monat [1], fast jeder dritte geht täglich in das Kaffee. Das Franchise Unternehmen WhatsApp besuchen fast 90% der 14-60 jährigen täglich [2] und Jugendliche unter 25 verbringen täglich mehr als eine halbe Stunde in Instagram.

Was macht das Kaffee so besonders? Zunächst mal ist es kostenlos. Man muss keinen Kaffee trinken um im Kaffee-Facebook Zeit verbringen zu können. Dafür befinden sich überall Kameras. Wenn du hier deinen Kaffee zum Mund führst, wird analysiert, ob du Links- oder Rechtshänder bist, es wird die Kleidung bewertet die du trägst, es wird mit Hilfe moderner Bilderkennung gespeichert, wann du dich mit welchen Freunden getroffen hast, wie das Treffen verlaufen ist und worüber ihr gesprochen habt. Alles was du sagst, alles was du tust, sogar jeder Furz von dir wird gespeichert und maschinell ausgewertet, um ein Profil von dir zu erstellen, dass am Ende aussagt, was für ein Mensch du bist. Das Kaffee speichert aber nicht nur Informationen über Leute, die das Kaffee besuchen, sondern auch über Leute, die das Kaffee nicht besuchen (sogenannte Schattenprofile). Du rufst aus dem Kaffee deine Freundin an? Dies wird gespeichert. Und auch wenn deine Freundin das Kaffee niemals besucht hat, weiß Facebook schon längst, dass sie dir fremdgeht. Deine politische Gesinnung, Wohnort, Freundeskreis, Vorlieben und Hobbys, Finanzkraft… all dies und vielmehr kann entweder direkt oder mit Hilfe von Algorithmen indirekt erschlossen werden.

Da das Kaffee von den meisten Menschen genutzt wird, findet hier aber auch ein wichtiger Teil der gesellschaftlichen Meinungsbildung statt. Das Kaffee wird als öffentliches Forum genutzt, um gesellschaftliche und politische Ideen weiterzutragen. Das Kaffee ist sozusagen eine Art Marktplatz in dem alles diskutiert wird, was gesellschaftlich relevant ist. Ob es pro oder contra Asylrecht, Freihandelsabkommen, Schulpolitik geht – Dies alles wird in dem Kaffee ausgetauscht. Wer dieses Kaffee meidet, der wird auch vom gesellschaftlichen und politischen Meinungsbildungsprozess ausgeschlossen. Oder anders gesagt: Wer an der Gesellschaft und Politik teilhaben will, der kommt nicht darum herum sich selbst an einen Tisch ins Facebook-Kaffee zu setzen und muss damit leben, von tausenden Kameras im Kaffee analysiert und seziert zu werden und dabei alle Informationen zur eigenen Privatsphäre an das Kaffee-Facebook zu verkaufen.

Zurück zur Realität: Was passiert mit den ganzen Daten? Es ist bekannt, dass die Daten an dubiose Unternehmen verkauft werden, um damit Wahlbeeinflussung zu betreiben, die gesammelten Daten werden im wirklich großen Maßstab missbraucht [5]. Und wen interessiert es? Wer ist danach aus Facebook, Instagram und Whatsapp ausgestiegen? Hat dies Facebook in irgendeiner Form geschadet?  Die einzigen die die Möglichkeit gehabt hätten, Facebook die Grenzen seiner Macht aufzuzeigen, wären seine Benutzer gewesen. Doch die haben nichts gemacht. Doch genau hier liegt die Wurzel des eigentlichen Problems: Je mehr sich unser Leben in die digitale Welt verschiebt, umso mehr bestimmen wir mit unseren Entscheidungen, wie sich diese digitale Welt entwickelt und beeinflusst. Wenn wir in einer freiheitlichen Welt leben wollen und nicht in einer Welt in der das Fünfgestirn aus Google, Facebook, Amazon, Microsoft und Apple die Regeln schreibt, dann müssen wir uns auch entsprechend verhalten. All diese Unternehmen haben nur die große Macht (die all diese Unternehmen auch in irgendeiner Form missbrauchen), weil eine Vielzahl von Menschen sie ihnen gedankenlos überlassen.

Ich halte es daher mit den Worten von Michail Sergejewitsch Gorbatschow, die heute aktueller denn je sind:  “Man ist entweder Teil der Lösung oder Teil des Problems. Ich habe mich für ersteres entschieden.” – oder anders gesagt: Nicht Facebook ist das Problem, wir sind es. Aus diesem Grund habe ich beschlossen, aus Facebook, Whatsapp und Instagram am Ende dieser Woche komplett auszutreten.

 

[1] https://allfacebook.de/zahlen_fakten/offiziell-facebook-nutzerzahlen-deutschland

[2] https://www.whatsbroadcast.com/de/content/whatsapp-nutzerzahlen-deutschland-2018/

[3] https://allfacebook.de/instagram/instagram-nutzer-deutschland

[4] https://netzpolitik.org/2018/ob-nutzer-oder-nicht-facebook-legt-schattenprofile-ueber-alle-an/

[5] https://www.dw.com/de/facebook-datenskandal-was-bisher-geschah/a-43322775

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