An dieser Stelle schreibt Alex Krommer einen interessanten Artikel darüber, wie Paradigmen und Paradigmenwechsel im Bildungswesen aus kulturhistorischer Perspektive verlaufen sind, d.h. im Übergang von der Oralität zur Literalität von der Literalität zur Typographie usw. Er stellt fest, dass wir uns zur Zeit in einer Phase des Leitmedientransfers befinden.

Bis dahin sind die Aussagen unstrittig. Interessiert hat mich vor allem, welche Folgerungen sich aus dem aktuellen Leitmedientransfer ergeben.

Ähnlich wie in anderen Beiträgen sind die Schlußfolgerungen nicht immer so einfach, wie es auf den ersten Blick den Anschein hat.

Die einseitig-alarmistische Kritik an digitalen Medien, die uns scheinbar verdummen lassen (vgl. Spitzer 2012), ist eine moderne Variante der Befürchtung, dass wir durch die Handschrift zu „Dünkelweisen“ degenerieren.” [Quelle]

Hier wird mal wieder eine falsche Analogiebildung vollzogen: Weil es damals so war, ist es heute auch so. Spitzer ist bekannt dafür, Theorien einseitig so auszulegen, dass sie seine Denkweise stützen. Dennoch ist es aus der aktuellen Forschungslage naiv anzunehmen, es gäbe keinerlei Risiken, die man beachten müsse. Wer das ignoriert. Wer das ignoriert, der entspricht den Kirchenvertretern, in “Brechts „Leben des Galilei“ nicht durch das Fernrohr schauen wollen, weil dadurch der etablierte Denkrahmen infrage gestellt wird,” – Der etablierte Denkrahmen ist in dem Fall die teilweise einseitige Filterblase in der einseitig die Chancen ohne die Risiken der Digitalisierung betrachtet werden. Krommer selbst wendet genau dieses Argument auf “Smartphone-Verbots-Schulen” an.

Weiter fährt er fort mit Prüfungsformaten:

“Die Spannungen zwischen der Buch-Schule und der Digital-Welt werden in der aktuellen Krise auch an anderen Stellen sichtbar: So setzt die Schule in der Regel immer noch auf Prüfungsformate, die einseitig auf den Paradigmen der Oralität und Skriptografie beruhen und strikt auf das isolierte Individuum ausgerichtet sind. “ [Quelle]

An der Stelle muss man zwischen Prüfung und Lernprozess unterscheiden. Die meisten Prüfungen sind heute und vermutlich auch noch in 30 Jahren so gestellt, dass die Leistung eines einzelnen Menschen im Zentrum stellt, weil man auch das Individuum nach möglichst objektiven Maßstäben bewerten will. Der Lernprozess vor den Prüfungen hingegen hat sich maßgeblich verändert. So habe ich z.B. letztens zwei Schülerinnen auf dem Gang getroffen, die sich darüber unterhalten haben, welche Filme sie sich zur Vorbereitung auf die Geschichtsprüfung angeschaut haben.

Weiter schreibt er:

Während Kommunikation, Kollaboration, Kreativität und kritisches Denken als Kernkompetenzen für das 21. Jahrhundert ausgerufen werden (vgl. Muuß-Merholz 2017), gilt es unter Abiturbedingungen als Form von Betrug, wenn man mit anderen spricht oder gar zusammenarbeitet.  [Quelle]

Der Satz gilt natürlich nur für die schriftlichen Abiturprüfungen. Bei mündlichen Prüfungen oder Kommunikationsprüfungen sieht die Sache anders aus. In die Abiturnote hingegen gehen jetzt neben den Prüfungen, die einen Teil des Abiturs ausmachen- auch die Lernphasen vor dem Abitur voraus, indem man als Lehrer schon seit längerem die Möglichkeit den Lernprozess, die Kommunikation und die Kollaboration mit einfließen lassen kann.

Daran sieht man, dass Krommers Argument zwar sehr anschaulich, aber auch gleichzeitig sehr plakativ und oberflächlich ist.

Palliative Didaktik

Die Palliative Didaktik geht nach Krommer in der starken Lesart von der “Diagnose aus, dass das Schulsystem […] einer Kultur der Digitalität in seiner Existenz bedroht ist und nicht mehr gerettet werden kann.”

Man kann aber nicht lesen, wie die Diagnose zu Stande kommt. Wenn ich eine unheilbare Krankheit diagnostiziere, dann gibt es statistische Daten oder kausale Zusammenhänge, die These einwandfrei stützen. Dies findet man in dem Artikel aber nicht.

Er schreibt, dass Schule nur vom Tropf des “Zertifizierungs-Monopols ” abhänge. Zum einen hat die Lesart einen wahren Kern: In der Wirtschaft gewinnen Zertifikate von privaten Anbietern wie Udemy und Co zunehmend an Bedeutung, während in einigen Bereichen (z.B. IT) Abschlusszeugnisse an Bedeutung verlieren. Dem muss man aber mit zwei Argumenten kontern:

  • Schulen bilden nicht nur für die Wirtschaft aus. Zu den Zielen von Schulen, wie sie in den Schulgesetzen der verschiedenen Länder definiert sind, gehören natürlich auch viele Aspekte, die durch Digitalisierung verändert werden oder eine neue Dimension erfahren. Das Digitalisierung auch Teil von Schule sein muss ist daher keine Frage. Über das wie und ob dadurch das Schulsystem grundlegend reformiert werden, gibt es allerdings keinen Konsens. *