In den letzten Wochen beschäftigt mich ein Gedanke tiefer, den ich nicht genau fassen kann:

Nachdem ich mich im #twitterlehrerzimmer umgeschaut habe und das Thema Digitalpakt durch alle Medien geht, sind mir die vielen unterschiedlichen Positionen zum Thema Bildung und Digitalisierung aufgefallen und mein Blick hat sich nochmal verändert.

Irgendwie scheint ja den meisten Menschen klar zu sein: Damit unsere Kinder auf die digitale Welt von morgen vorbereitet sind, muss die Digitalisierung auch Einzug in die Klassenzimmer erhalten. Wenn man diesen Satz so zur Abstimmung geben würde, dann würde man eine gigantische Mehrheit erhalten, die diese Aussage stützen würde.

Wenn man aber fragt, was das eigentlich bedeutet, welche Aspekte der Digitalisierung in Bildungskontexten wichtiger werden, dann sieht die Sache wieder ganz anders aus und dann merkt man, dass viele Positionen sehr diffus sind.

Ich finde das allerbeste Beispiel dafür ist die folgende Aussage:

Diese #Mehrwert-Leute wollen andauernd, dass wir nachweisen, wie wir mit dem neuen Hubschrauber schneller zum Bäcker kommen. Das ist absurd!“ https://twitter.com/joeranDE/status/1101165355836325888 (Die Aussage findet sich mit einem Flugzeug auch hier: https://axelkrommer.com/2015/08/04/welchen-mehrwert-haben-digitale-medien-fuer-das-schulische-lernen/

In der Aussage stecken mehrere Positionen, die ich persönlich schwierig finde:

  1. Die “radikalen” Digitalisierungsbefürworter argumentieren gerne, dass man nicht über den “Mehrwert” von digitalen Medien diskutieren müsse. https://axelkrommer.com/2018/09/05/wider-den-mehrwert-oder-argumente-gegen-einen-ueberfluessigen-begriff/
  2. Der Kostenaspekt wird oft vollkommen ausgeklammert
  3. Man erkennt auch wie diffus die Inhaltsbereiche sind, die mit der Digitalisierung verbunden sind. Müssen wir jetzt alle lernen, Hubschrauber zu fliegen? Sicher nicht. Aber was genau sind eigentlich die neuen Inhalte und Kompetenzen, die die Kinder von heute für die Welt von morgen benötigen.

Der Mehrwert:

Bei der Frage nach dem Mehrwert muss man meiner Meinung unterscheiden, was das konkrete Ziel von digitaler Bildung ist.

In der Arbeitswelt verändern sich sicherlich die benötigten Kompetenzen, so dass Soft-Skills eine besondere Bedeutung zukommen. Oft wird hier das 4K Modell mit den Kompetenzen Kommunikation, Kollaboration, Kreativität und Kritisches Denken herangezogen.

Ich stimme zwar voll zu, dass diese Kompetenzen in der Welt von morgen von großer Bedeutung sein werden, finde es aber auch wichtig die Inhaltsbereiche und viele andere wichtige Schlüsselkompetenzen nicht auszuklammern. Ein Beispiel aus der Mathematik:

Mathematik hat in der Sekundarstufe 1 einen Unterbau, der -egal ob mit oder ohne digitalen Medien- mit sehr viel Arbeitseinsatz für die Schüler verbunden ist. Ich muss Algebra, Bruchrechnung, Funktionale Zusammenhänge und vieles mehr lernen, damit ich später damit irgendwann einmal nicht eingebettete, sondern echte Anwendungsaufgaben lösen kann.Man könnte argumentieren, dass dies nicht nötig sei, denn mit CAS-Software kann ich mir Funktionen plotten, Gleichungen symbolisch umstellen und Bruchrechenaufgaben vollautomatisch lösen lassen.

Sicherlich verschiebt sich die Bedeutung von Mathematik und auch die Bedeutung der handwerklichen Fähigkeiten etwas. Wenn ich aber den “analogen Unterbau” der Mathematik nicht verstanden habe, dann wird vieles, was ich später mache, reine Magie bleiben.

Wenn man verantwortungsvolle Mediendidaktik und Bildungspolitik betreibt, sollte man daher nicht vorschnell sein und den Vorteil der digitalen Medien propagieren, sondern ganz genau hinschauen wie sich die Veränderung einer Lernkultur später beim Lösen von (mathematischen) Problemen in komplexen Zusammenhängen niederschlägt.