Axel Krommer argumentiert, warum der Grundsatz “Pädagogik vor Technik” maximal trivial sei.

An dieser Stelle möchte ich auf einige seiner zentralen Argumente eingehen.

Er schreibt: “Vor diesem Hintergrund entpuppt sich der Grundsatz „Pädagogik vor Technik“ in der aktuellen Debatte als versteckt-bewahrpädagogischer Appell: „Setze zuerst auf die Buch-und-Schrift-Pädagogik, bevor Du (digitale) Technik in Deine (didaktischen) Überlegungen einbeziehst!“.”

Das Gegenargument ist natürlich an sich trivial, um die Worte des Autors zu verwenden: Auch bevor ich Buch- und Stift im Unterricht einsetze, setze ich didaktische und pädagogische Gedanken zuerst ein. Ich überlege mir nicht, wie zuerst Stifte, Hefte, Bücher, Ovearhead-Projektoren und was sich sonst an Technik im Klassenraum eingesetzt werden kann, sondern ich überlege mir weiterhin zunächst was soll wie eingesetzt werden.

Warum wird diese Fragestellung aber im Zuge von Digitalisierung erhöht? Dies liegt wahrscheinlich ganz einfach damit zusammen, dass die Technik beim Tablet mehr pädagogische Fragestellungen aufwirft als Papier und Stift. Plötzlich muss ich mich nicht nur fragen, ob die Schüler etwas abschreiben, auswendig lernen, im Kopf rechnen im Buch lesen,…, sondern es kommt eine Vielzahl an Optionen dazu. Davon sind einige Optionen aus didaktischer Sicht möglicherweise besser geeignet, andere schlechter geeignet.

Dadurch wird aus dem vorher selbstverständlichen Gedanken “Pädagogik vor Technik” jetzt ein Gedanke, dem man bewusst führen muss. Er verweist auf einen Beitrag von Dejan Mihajlovic, der im Prinzip sogar genau das aussagt. Dieser schreibt:

Zeitgemäße Bildung orientiert und reflektiert sich immer wieder neu an allen Herausforderungen gesellschaftlicher Entwicklung, die aus dem digitalen Wandel resultieren. Sie sucht in einem neuen Lehr- und Lernverständnis nach Antworten auf alle Fragen, die sich aus den oben angerissenen Legitimationen stellen.

Man könnte das Zitat auch kurz als “Pädagogik vor Technik” zusammenfassen.

An dem dritten Punkt hingegen ist ein Teil Wahrheit enthalten. Krommer schreibt:

Die dritte Lesart des Grundsatzes „Pädagogik vor Technik“ ist eine Variation des Themas, das schon in der zweiten Lesart anklingt. Die These, dass pädagogische Entscheidungen prinzipiell vor technischen Entscheidungen zu treffen sind, blendet ebenfalls aus, wie sehr der pädagogische Handlungs- und Entscheidungsraum durch die vorhandene Technik mitbestimmt wird.

Das ist zum Teil korrekt: Wenn ich keine Dokumentenkameras, Beamer, Tablets, Handys, […] im Unterricht habe, können diese auch nicht in meine didaktischen Überlegungen mit einfliesen.

Hier muss man aber zwingend unterscheiden aus der Lehrerperspektive und der Bildungspolitischen Perspektive.

Für mich als Lehrer erweitern sich die Möglichkeiten mit jedem Medium und da gilt vermutlich die Maxime “Je mehr desto besser”. Aus bildungspolitischer Perspektive sieht die Sache anders aus: Hier hat man ein Budget und muss entscheiden, wie Schulen möglichst effizient mit digitalen Medien ausgestattet werden und mit diesem Budget maximaler Erfolg erzielt wird. Man kann nicht beliebig über Ressourcen entscheiden, sondern muss die Ressourcen verteilen.

Krommer schreibt nämlich anschließend:

Der blinde Fleck dieser Vorgehensweise zeigt sich aktuell in der Debatte um den Mehrwert digitaler Medien. Dieser Mehrwert scheint nur dann gegeben zu sein, wenn sich die vorab gesetzten Ziele mit digitalen Medien besser, schneller, nachhaltiger etc. erreichen lassen als auf traditionellem Wege.

Wenn man die bildungspolitische Perspektive der Ressourcenverteilung anschaut, dann geht es nämlich genau um diesen Mehrwert. Ist es sinnvoller alle Schulen mit Whiteboards, Tablets, Technischem Support, Dokumentenkameras und vielem mehr auszustatten, beschränke ich mich auf einen Teil oder gebe das Geld vielleicht sogar lieber für Personal aus, d.h. Lehrer, Sozialpädagogen, […]

Wenn die Frage nur lauten würde: “Statte ich Schulen mit digitalen Medien aus?”, dann hat Krommer mit seiner Behauptung eines “blinden Flecks” aus. Wenn die Diskussion darüber geht, wie ich das Geld genau einsetze, dann sieht die Sache anders aus. Dann muss ich mir zwingend Gedanken über den Mehrwert machen.

Vereinfacht gesagt: Die Ziele, die sich in einem ausschließlich auf Buch und Schrift basierenden Unterricht realistischerweise erreichen lassen, unterscheiden sich signifikant von den Zielen, die man mit Buch, Schrift, Tablet und Internetzugang ansteuern kann. Der wahre Mehrwert digitaler Medien besteht also nicht darin, alte Ziele schneller zu erreichen, sondern völlig neue Zieldimensionen erstmals zu erschließen.

Und da sind wir wieder bei “Pädagogik vor Technik”: Diese Aussage kann man ja genauso beschreibt. Zunächst mal gilt es den “wahren Mehrwert digitaler Medien”, d.h. die Zieldimensionen zu erschließen. Das ist genau das was man salopp unter “Pädagogik vor Technik” beschreiben kann.