Zur Zeit befinden wir uns mitten in den Osterferien. Es sind die ersten Osterferien, wo Schülern, Eltern und Lehrern noch unklar ist, wie es nach den Ferien weitergeht und so stellen sich zahlreiche Fragen gesundheitlicher, organisatorischer und pädagogischer Natur:

  • Werden die Schulen nochmal öffnen?

  • Wie verhält es sich mit Versetzung?

  • Was ist wenn ich als Schüler vorerkrankt bin oder meine Eltern zu einer Risikogruppe gehören.

  • Wie wird ein Onlineunterricht stattfinden und bewertet?

  • Wie verhält es sich in Fächern, deren Lehrer auch auf absehbare Zeit nicht mehr unterrichten können (weil die Lehrer zu einer Risikogruppe gehören?). Sind die Noten dort bereits festgelegt?

  • Wie können Hygienemaßnahmen sinnvoll umgesetzt werden?

...

Diese Liste ließe sich lange fortführen. Im folgenden möchte ich mal das Gedankenexperiment spinnen, dass die Schulen wieder geöffnet werden sollen, was nach den Ferien oder wenige Wochen danach durchaus der Fall sein könne.

Die Rahmenbedingungen

Zunächst gilt es dafür einige Rahmenbedingungen zu betrachten. Zunächst verweise ich dafür auf die Fakten. ]Mai Thi Nguyen-Kim hat diese hervorragend ](https://www.youtube.com/watch?v=3z0gnXgK8Do) (auch wenn natürlich manche Zahlen jetzt schon wieder geringfügig überholt sind). Ein Blick auf die Zahlen von David Kriesel zeigt auch: Die Zahl der Infizierten ist in den letzten Wochen immer weiter gestiegen, stagniert jetzt das erste mal, was allerdings auch mit dem Osterwochenende zusammenhängen kann.

Kurz zusammengefasst: Wir befinden uns nicht in einer Situation, wo wir das Virus unter Kontrolle haben und bei einem weiteren Ausbruch in der Lage wäre, alle Kontaktpersonen zu identifizieren (Der Containment-Phase). Wir befinden uns noch in der Phase der Schadensbegrenzung. Selbst wenn die Zahlen von Prof. Streeck stimmen demnach 14 % der Bevölkerung in Gangelt in Corona infiziert seien, befinden wir uns noch am Anfang der Epidemie (dazu die Kritik). Einziger Hoffnungsschimmer: Eine Studie aus England legt nahe, dass Schulschließungen nur einen geringen Effekt auf die Infektionszahlen hätten.

Trotz allem muss man aber festhalten: Wenn man im Zuge weiterer Lockerungsmaßnahmen auch die Schulen öffnet, besteht ein sehr reales Risiko darüber auch einen neuen schwer zu kontrollierenden Infektionsherd zu schaffen. Gleichzeitig sind Schulen als Betreuungsort aber in vielerlei Hinsicht Grundvoraussetzung, dass viele Arbeitnehmer wieder geregelt arbeiten können und als Begegnungsort wichtig für die Kinder um dort ihre sozialen Kontakte zu pflegen.

Wichtig ist es daher einmal den Gedanken durchzuspielen.

Wie könnte man die Schulen wieder öffnen?

Es soll an dieser Stelle nicht darum gehen, ob Schulen geöffnet werden (diese Diskussion wird an anderer Stelle oft genug geführt), sondern nur um das wie?

Voraussetzungen

Die ersten Maßnahmen sind klar: So weit wie möglich Abstand halten, Hustenhygiene, ggf. Masken, Seifen auf der Toilette. Grundlegende Hygienemaßnahmen. Wir wissen, dass vieles von dem was wir an Selbstverständlichkeit annehmen an Schulen noch längst nicht selbstverständlich sind. Warmes Wasser, Seife, Desinfektionsmittel, Masken - Das alles gehört an vielen Schulen und bei vielen Schülern nicht zur Grundausstattung. Es muss an Schulen daher zunächst eine Infrastruktur geschaffen werden, mit der sich Hygienemaßnahmen umsetzen lassen.

Weiterhin muss es ein gutes Monitoring geben: Wenn es an der Schule zu Infektionen kommt, muss das Ausmaß der Infektion klar erkannt werden. Dafür benötigt man

  • Kapazitäten um jede auftretende Infektion um ihre Folgen nachvollziehen zu können.
  • Erfahrungswerte, wie sich Infektionen über Schulen ausbreiten.

Dafür macht es Sinn, nicht alle Schulen zu öffnen, sondern zunächst in weniger stark betroffenen Regionen einzelne Testschulen zu öffnen für die man auch ausreichende Testkapazitäten zur Verfügung hat. Wenn es hier zu Infektionen kommt, wird dann das lokale Gesundheitssystem nicht überfordert und man kann diese Erfahrungen auf andere Bereiche übertragen. Ich halte solche Tests für unabdingbar bevor man großflächig (landes- oder bundesweit) die Schulen öffnet. Voraussetzung ist aber, dass die Schulen so gut überwacht werden können, dass man auch wirklich allgemeine Schlüsse aus den Erfahrungen dieser Testschulen ziehen kann.

Von diesen Punkten sind wir -Stand jetzt- noch entfernt. Eine flächendeckende Öffnung für Schulen zum jetzigen Zeitpunkt halte ich dafür für grob fahrlässig.

Handlungsmaximen

Wenn man Schulen öffnet, dann dürfen nicht nur pädagogische Überlegungen beachtet werden, sondern diese müssen dem Infektionsschutz untergeordnet werden. Hier geht es vor allem um Netzwerke:

Schulische Netzwerke müssen so klein wie möglich gehalten werden, es darf so wenig Überschneidungen wie möglich geben.

Dazu als Erläuterung: Ein Netzwerk sind alle Personen mit denen ich direkten Kontakt habe, d.h. alle Personen die ich infizieren würde, wenn ich krank bin. Dies können Eltern, Freunde, Arbeitskollegen, … sein. Je kleiner das eigene Netzwerk und je geringer die Kontakte zwischen den Netzwerken sind, umso schwieriger kann sich ein Virus verbreiten.

Konkret lassen sich daraus folgende Handlungsmaximen ableiten:

  • Eine Klasse darf so wenig wie möglich mit anderen Klassen gemischt werden: Gemischte Fremdsprachengruppen, Religionsunterricht in gemischten Gruppen, Wahlunterricht - Dies sollte nicht mehr stattfinden.
  • Eine Klasse sollte von so wenig Lehrern wie möglich unterrichtet werden. Auf diese Weise wird das Netzwerk der Lehrer möglichst klein gehalten. Lehrer sollten sich darüber hinaus auch nicht zu anderen Zeitpunkten treffen:
  • Lehrer sollten untereinander so wenig Kontakt wie möglich haben .
  • Eine Klasse sollte so klein wie möglich sein. Je weniger Schüler in einem Raum umso kleiner die Netzwerke die miteinander verbunden werden. Diese Teilklassen sollten möglichst keinen Kontakt miteinander haben.
  • Jetzt kommt noch ein großer Block: Es darf keine Schulpflicht geben. Es gibt Schüler und Eltern mit Vorerkrankungen, die zu Risikogruppe gehören. Diese Kinder darf man nicht in die Schule schicken. Wie schafft man aber Bildungsgerechtigkeit für diese Kinder?
  • Der Transportweg sollte möglichst wenig Vernetzung zwischen verschiedenen Klassen zulassen (z.B. durch Schichtunterricht). Im Schulbus sterben alle Bemühungen einen leisen Tod…

Konkrete Umsetzungsideen

Wichtig: Hier gibt es nicht eine Möglichkeit die oben geschilderten Maximen umzusetzen. Ich denke es ist viel Kreativität gefragt und es lassen sich noch viele Ansätze finden. Ich stelle hier einige Ideen dar, wie die oben genannten Punkte umgesetzt werden können.

  • Kein Fremdsprachen, Religionsunterricht und Wahlunterricht (siehe oben) - Die Schüler müssen in einer Gruppe zusammenbleiben
  • Möglichst Klassenleiterunterricht, damit die Lehrer untereinander möglichst wenig vernetzt werden.
  • Abschließen aller Gemeinschaftsräume (Lehrerzimmer, Oberstufenräume, Aufenthaltsräume für Schüler, die Mensa, …). Auch Lehrer sollten so wenig Kontakt wie möglich untereinander haben.
  • Entzerren der Pausen und Schichtunterricht
  • Eine “Online-Schule” für Schüler die nicht zur Schule gehen können. Vielleicht können Schulen mit gutem Digital-Konzept für Schüler aus anderen Gegenden geöffnet werden. In diesem Zuge: Ausstattung von Schülern mit Endgeräten (Ipads, Tablets, …), damit diese an dem Online-Unterricht teilnehmen können.
  • Alternativ dazu: Verzicht auf das Unterrichten von Fächern wie Deutsch/Mathe bei dem Inhalte stark aufeinander aufbauen (oder Themen in diesen Fächern). Die Inhalte können nächstes Jahr nachgearbeitet werden.
  • Kombination von Digital- und Präsenzunterricht. Die Stundenzahl der Schüler könnte zugunsten von mehr Onlineunterricht ersetzt werden. Zu beachten ist aber, dass dies weder für Lehrer noch für Schüler eine Entlastung ist.
  • Ältere Klassen können auch komplett zu Hause bleiben (evtl. bis auf Prüfungen). Dies gilt gerade für die Oberstufe mit Kurssystemen in denen sich die Verbreitung eines Virus nicht kontrollieren lässt. Auch hier gilt: Will man als Lehrer Schüler mit Erklärungen (per Video) und Feedback unterstützen bedeutet Onlineunterricht erstmal ein Mehraufwand- und keine Entlastung.
  • Zu beachten ist, dass viele Maßnahmen (z.B. kleinere Gruppen, kombinierter Online- und Offlineunterricht) einen Mehraufwand für Lehrer bedeuten. Hier müssen die Personalkapazitäten stark aufgestockt werden um dies zu ermöglichen - Auch deshalb weil die Kollegien ja selbst Personen aus Risikogruppen enthalten, die nicht mehr in die Schule kommen können. Wenn z.B. eine Klasse in zwei 15er Gruppen aufgeteilt wird, dann sollte diese auch von zwei unterschiedlichen Lehrern unterrichtet werden.

Wenn man sich die Maßnahmen oben anschaut, dann fällt auf:

  • Dies braucht viel Vorbereitung. Mehr als eine Woche.
  • Dies kann schwer komplett von “oben herab” entschieden werden. Lösungen sollten am besten mit den Beteiligten zusammen entwickelt werden. Der Teufel steckt oft im Detail.
  • Es muss nicht nur verhandelt werden, wie Unterricht stattfindet, sondern welchen Stellenwert Unterricht gegenüber Betreuung hat. Öffnen wir die Schulen, damit Arbeitnehmer arbeiten können oder hat die Vermittlung von Wissen in der Schule Vorrang? Wie wichtig sind uns Noten, Prüfungen und Werte gegenüber dem Lernen an sich? Diese Fragen müssen in der aktuell stark veränderten Situation neu gedacht werden

Disclaimer: Diese Gedanken sind noch nicht vollständig. Ich werde den Artikel erweitern, sobald ich neue Impulse erhalte.