Philippe Wampfler schreibt auf seinem Blog vom ["Nerd-Narrativ"](https://schulesocialmedia.com/03-03-2020

Der Artikel passt dazu in Meinungsäußerungen von Axel Krommer und anderen, die explizit die "Nerdigkeit" von Argumenten herausstellen oder "Nerds" als Gruppe klassifizieren. Als Informatiker hatte ich mich gefreut, dass durch Serien wie Big-Bang-Theorie Nerds mehr im Mainstream angekommen sind, aber hier wird der Begriff verwendet um eine Personengruppe (negativ) zu klassifizieren.

Indem man den Experten auf einem Fachgebiet als "Nerd" bezeichnet, rechtfertigt man eigene Unkenntnisse und wertet das Wissen dieser Personen herab. Im Prinzip hat man hier den gleichen Effekt wie bei dem bekannten "In Mathematik (Physik | Chemie) war ich auch immer schlecht". Wampfler versucht den Begriff zwar möglichst neutral zu definieren, aber wenn man sich dabei auf einen Artikel stützt, der von "reaktionär-ignoranten Arschlochnerds" spricht, kann man diese wertfreiheit für den Begriff nicht in Anspruch nehmen.

Die MINT-Fächer kämpfen schon immer damit, dass ihr Wissen als abgewertet wird. Im Gegensatz zu anderen Fächern ist es dort sozial akzeptiert, Bildungslücken zuzugeben. Der "Nerd" war in diesem Kontext schon immer ein Rechtfertigungskonstrukt und oft eine Beleidigung für die Klassenbesten, ähnlich wie z.B. "Streber" ("Der XY hat eine 1, der ist aber auch ein Nerd"). In der Diskussion bekommt der Begriff nun aber einen neuen Spin, da es gar nicht um inhaltliche Fragen, sondern um Wertefragen geht (siehe unten). Der Begriff Nerd wird als naiver Idealist in der Bildungsdebatte zum Äquivalent eines “Gutmenschen”.

Philippe Wampfler nennt Fragen heraus, die explizit von Nerds gestellt werden:

  1. Wie geht der Dienst mit Daten um?

  2. Wie gut lassen sich Daten exportieren?

  3. Ist die Software FLOSS?

  4. Kann ich Padlet modifizieren, in meine bestehenden Systeme einbauen?

Das interessante: Diese Fragen sind alle keine technischen Fragen, sondern Fragen nach Datensouveränität und Offenheit von Systemen in einer digitalisierten Welt - kurz gesagt: Es geht um die mit der eingesetzten Technik verbundenen Werte. Diese Fragen könnte jeder stellen, es ist kein großartiges Fachwissen dafür nötig, lediglich die Bereitschaft sich mit dem Wertesystem der digitalen Kultur auseinanderzusetzen.

Dem gegenüber stehen für ihn die Fragen nach Pragmatik: Usability, Support, mobile Nutzung,und Eignung für den Aufbau von Kompetenzen.

Das Nerd-Narrativ verzerrt also nach Wampfler dadurch, dass die Fragen nach Werten den Fragen zur Pragmatik vorgelagert werden. Der Artikel wird an dieser Stelle einseitig, da er suggeriert, dass es bestimmte Personen gibt, die man als "Nerds" klassifzieren kann, die einseitig die Sicht auf die Problematik Digitalisierung verzerren würden.

Ich würde das viel neutraler betrachten:

So wurde z.B. zuletzt eine sehr radikale These von Martin Lindner auf Twitter sehr umstritten diskutiert. Die These und viele ihrer Befürworter verzerren sozusagen in die andere Richtung, nämlich in der Hinsicht, dass man Fragen zu Werten und Idealen im Kontext Bildung zugunsten von Pragmatik ausblenden könnte. Daher: Je extremer die Meinungen sind, desto eher kann man davon ausgehen, dass etwas verzerrt wird.

Philippe Wampfler kommt zu folgendem Fazit:

"Und so muss eine Abwägung stattfinden zwischen einer idealen Lösung, die sich nicht umsetzen lässt, und einer pragmatischen, bei der Kompromisse nötig sind."

Dem stimme ich voll zu. Ich bin prinzipiell dafür, dass man nicht auf die Extreme schaut, sondern sucht, wo ein Weg in der Mitte gibt, der Pragmatismus und Idealismus (und Bildung ist immer auch idealistisch) unter einen Hut bekommt. Dafür ist das Abwerten von Personen und Meinungen mit dem Nerd-Begriff aber auch eher kontraproduktiv.